ADLAF-Tagung 2023

Call for Papers: ADLAF-Tagung (22.-24.06.2023) in Berlin “Umweltgerechtigkeit”

Das Konzept der Umweltgerechtigkeit adressiert aus zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen, vor allem aber in inter- wie in transdisziplinärer Perspektive soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit vor dem Hintergrund sich verschärfender Umweltkrisen. In Lateinamerika manifestieren sich in besonderem Maße die Konsequenzen kolonial geprägter und durch machtvolle Globalisierungsprozesse wie regional unterstützte Praktiken vorangetriebener ungerechter Gesellschaftsordnungen, die durch Umweltveränderungen und lokal ungleiche Verteilungen von Umweltlasten weiter gefestigt werden. Darüber hinaus sind in Lateinamerika produktive aktivistische Prozesse einerseits und eine reichhaltige wissenschaftliche Diskussion zu dem Themenfeld andererseits zu beobachten, die sich gegenseitig befördern.

Die ADLAF-Tagung zur Umweltgerechtigkeit in Lateinamerika zielt darauf ab, konzeptionelle Ansätze im internationalen Dialog weiterzuentwickeln, Konfliktlinien von Umweltgerechtigkeit inter- und transdisziplinär zu diskutieren, Fallstudien zu zentralen Gerechtigkeitsproblemen diachron, intersektional wie auch unter dem Aspekt der Scales einzuordnen und insgesamt eine sozial-ökologisch motivierte just transition wissenschaftlich voranzutreiben.

Vorschläge für Beiträge sollten einem der folgenden Themenfelder zuzuordnen sein:

 

  1. Konzeptionen von Umweltgerechtigkeit

Im Kern dieses Panels steht die Debatte über gerechtigkeitstheoretische Grundpositionen. Diskutiert werden soll die Spannung zwischen einer vermeintlich kosmopolitischen Gerechtigkeit, die für alle und überall gilt, und einer partikulären Gerechtigkeit, die den Vorrang der Interessen der eigenen Bevölkerung und Strategien der nationalen Ressourcensicherung betont. In einer vernetzten Welt sind konfligierende Gerechtigkeitsvorstellungen auf der Ebene der internationalen Politik relevant, betreffen aber auch Aushandlungen und Dialoge zwischen den verschiedenen nicht-/akademischen Gemeinschaften (Aktivismus, wissensproduzierende/onto-epistemische Praktiken, traditionelles/indigenes/quilombola-Wissen, usw.). Zur Disposition stehen alte und neue Zukunftsvorstellungen und Theorien zu Generationengerechtigkeit, sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit, Postwachstumsgesellschaft und (öko-)feministischen und dekolonialen Optionen. Es lohnt sich darüber hinaus, den Ursprung des Konzepts von Gerechtigkeit und seine Verbreitung und Neukonzeptualisierung in den verschiedenen Wissensgemeinschaften/-feldern in Lateinamerika zu diskutieren, einschließlich der Beziehungen zwischen Umweltgerechtigkeit und Politik, Gesetzgebung und Staat auf verschiedenen Ebenen. Schließlich wird die Frage gestellt, welche Herausforderungen sich für die Entwicklung neuer (umfassender) Konzepte der Umweltgerechtigkeit ergeben.

 

  1. Transdisziplinäre Dimensionen von Umweltgerechtigkeit

Als historisch, sozial und geographisch situierte Ansprüche konstituieren sich Vorstellungen von Umweltgerechtigkeit an der Schnittstelle zwischen Politik, Alltagserfahrung und unterschiedlichen Wissensformen (wie indigenes, wissenschaftliches, aktivistisches und „allgemeines“ gesellschaftliches Wissen). Daraus ergeben sich Fragestellungen von zweierlei Charakter: Es handelt sich zunächst um die existierenden Formate der Wissensproduktion und -zirkulation. Fördern oder eher verhindern sie den produktiven und gerechten Dialog der mannigfaltigen Beiträge zum Verständnis und zur Deutung von Umweltprozessen? Zugleich geht es darum, die politischen Konsequenzen daraus zu ziehen, indem den unterschiedlichsten Vorstellungen von Umweltgerechtigkeit Zugang zur (politischen) Öffentlichkeit gewährt wird. Willkommen im Panel sind Beiträge, die empirisch und/oder theoretisch die Spannungen und Errungenschaften im Dialog zwischen akademischem und nicht-akademischem Wissen bzgl. Umweltgerechtigkeit thematisieren: Wie ergänzen sich indigene Philosophien und Wissenschaft (Erdsystemforschung, Umweltwissenschaften, Posthuman Studies) in der Beschreibung der Folgen der Umweltkrise und des Klimawandels? Aber auch: Wie werden „traditionelles“ und „modernes“ Umweltwissen von Wissenschaft und Wirtschaft vereinnahmt und kommodifiziert? Ebenfalls erwünscht sind Studien, die die politischen Herausforderungen für die Erfassung und Umsetzung verschiedenartiger Vorstellungen von Umweltgerechtigkeit adressieren: Wie werden politische und rechtliche Instrumente (z.B. ILO  169, Umweltausschüsse) in der Praxis umgesetzt? Wie verhindern etablierte Machtstrukturen die Behauptung marginalisierter Ansprüche? Wie tragen lokale und transnationale Bewegungen dazu bei, diese Strukturen zu verändern?

 

  1. Umweltgerechtigkeit aus transregionaler Sicht

Umwelt- und Klimafragen sind bekanntlich grenzübergreifend. Oft werden jedoch die Strategien zur Überwindung der Umwelt- und Klimakrise aufgrund der überwiegend lokalen und nationalen Verfasstheit der politischen Institutionen auf die nationalen Arenen zurückgeworfen. Dabei werden Folgen und Kosten der angeblichen Lösungen für andere Länder und Weltregionen ausgeblendet. Dieses Panel lädt Teilnehmer*innen ausdrücklich dazu ein, die nationalen Grenzen zu verlassen, um Umweltgerechtigkeit als transregionales Konstrukt zu denken. Konkret bedeutet dies analytisch Umwelt- und Klimafragen ausgehend von den Verflechtungen zwischen den Weltregionen zu untersuchen: Wie verbinden Produktionsketten und Strategien der Externalisierung von Umweltkosten Europa, Lateinamerika und andere Weltregionen?  Welche Auswirkungen hat dies für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in den verschiedenen Regionen? Politisch-normativ handelt es sich hier um Diskussionen aber auch Bewegungen, politische Allianzen und internationale Institutionen, die den transregionalen Charakter von Umweltgerechtigkeit bewusst und öffentlichkeitswirksam thematisieren: Wie wird die Unstimmigkeit zwischen lokalen oder nationalen Institutionsdesigns und den transregionalen Charakter der Umweltgerechtigkeit diskutiert? Mit welchen politischen Folgen?

 

  1. Gewalt und Konflikttransformation

Der Umgang mit der Natur sowie Zugang und Verwendung von Ressourcen waren und sind in Lateinamerika in hohem Maße konfliktiv. Hierbei brechen sich unterschiedliche kulturelle Zugänge (z.B. zwischen indigenen und kolonialen, lokalen und transnationalen Perspektiven) auf die Umwelt ebenso wie wirtschaftliche und politische Interessen (Inwertsetzung vs. Umweltschutz). Auch Politiken und Ansätze zur Umweltgerechtigkeit sind konfliktiv, Umweltaktivist*innen werden in der gesamten Region bedroht, viele ermordet. Das Panel lädt zu Beiträgen ein, die das Thema Umweltgerechtigkeit in unterschiedlichen Kontexten und Zeiträumen aus der Konfliktperspektive analysieren. Was bedeutet Umweltgerechtigkeit für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen? Geraten partikulare und kosmopolitische Gerechtigkeitskonzeptionen in Konflikt? Welche Konflikte entstehen in unterschiedlichen Räumen? Das Panel befasst sich insbesondere auch mit dem Nexus von Umweltgerechtigkeit und den Möglichkeiten der Friedenskonsolidierung und fragt danach, wie entsprechende Konflikte ausgetragen werden? Welche lokalen, nationalen und transregionalen Interessen werden hier deutlich? Wie werden diese Konflikte diskursiv dargestellt? Welche Mechanismen dienen der zivilen Konflikttransformation?

 

  1. Anthropozän: Umweltgerechtigkeit in der Zeitenwende

Das Anthropozän markiert eine grundlegende Zäsur in der Geschichte der Menschheit, wonach der Mensch der wichtigste Akteur bei der Umgestaltung der Erdsysteme geworden ist. Doch welcher Mensch ist gemeint? Nicht alle Produktions- und Konsumformen zerstören den Planeten gleichermaßen. Die Bedeutung von Kapitalismus (Kapitalozän) und Kolonialismus (Plantagenozän) in Hinblick auf Fragen globaler (Umwelt-)Gerechtigkeit muss herausgearbeitet werden. In epistemologischer Perspektive wird gefragt: Wie lassen sich Mensch-Natur-Umweltverhältnisse neu denken und neu leben, so dass Umweltgerechtigkeit sich auch auf nicht-menschliche Entitäten erstreckt? Letztlich ist der Mensch gleichzeitig auch Opfer des „Zeitalter des Menschen“; es stellt sich hier die Frage der Generationengerechtigkeit. Das Suffix „-zän“ verweist auf eine geologische Ära. Es stellt sich die Frage, wie ein solch fundamentaler Bruch konzeptualisiert wird. Beginnt das Anthropozän in Lateinamerika auch ab 1950, oder später? Die bisherigen Marker waren strikt geologisch, wie verhält sich dies zu anderen Dimensionen, wie beispielsweise dem biologischen Austausch im „Columbian Exchange“ ab 1492 (Homogenozän)? Zudem ist zu fragen, wie sich diese neue geologische Zeit zu anderen historischen Tiefenstrukturen verhält – vor allem zu Kolonialismus und Kapitalismus sowie deren Konjunkturen, wie beispielsweise Neoliberalismus oder Neoextraktivismus. Die mit der Zeitenwende des Anthropozäns aufgeworfenen Fragen sind fundamental. Entsprechend hoffen wir in diesem Panel auf eine interdisziplinäre Bearbeitung. Über die sozial- und geisteswissenschaftliche Debatte hinaus, sind gerade auch Reflektionen aus Kunst und Philosophie interessant.

 

  1. Klimagerechtigkeit: akademische und aktivistische Perspektiven und Praktiken

Das Panel setzt sich mit akademischen und aktivistischen Perspektiven und Konzepten von Klimagerechtigkeit in Lateinamerika auseinander. Dabei steht die lokale Ebene und ihre skalaren Verflechtungen im Vordergrund, etwa konkrete Praktiken und ihre politischen Vermittlungen, Materialisierungen von transnationalen Debatten sowie Emissionsreduktionszielen und -mechanismen, Verflechtungen von lokalen und (trans-)nationalen Diskursen/Akteur*innen usw. Konkret ergeben sich z.B. Fragen nach der Konzeptualisierung von Klimagerechtigkeit in Lateinamerika, ihrem Verhältnis zur Umweltgerechtigkeitsdebatte und entsprechenden Akteur*innen sowie nach Orten der Wissensproduktion im akademischen und aktivistischen Kontext. Neben akademischen Ansätzen interessieren diesbezüglich indigenes und „traditionelles“ Wissen, Erfahrungen und Praktiken und deren Übersetzung in politische Diskurse. Es stellt sich die Frage nach der Rolle von transnationalen NGOs, welche historisch die Diskurshoheit auf der globalen Ebene haben. Darüber hinaus interessiert, inwieweit sich etablierte zivilgesellschaftliche Akteur*innen wie die Landlosenbewegung auf die politisch einflussreiche Klimadebatte beziehen und diese in Handeln und Diskurse integrieren. Willkommen sind sowohl empirische als auch rein konzeptionelle Beiträge. Ziel ist ein interdisziplinäres Panel mit Beiträgen aus dem Spektrum sozialökologischer, öko-/feministischer, indigener, dekolonialer, etc. Ansätze.

 

  1. (De)Kolonialität und Intersektionalität

Die Natur Amerikas und der Platz des Menschen darin haben mit der iberischen Eroberung profunde Transformationen durchlebt und auch in den folgenden Jahrhunderten erfuhren die Konzeptionen und Narrative der Mensch-Umwelt Beziehung Veränderungen; wie etwa die Entstehung des durch die Aufklärung geprägten Dualismus Kultur-Natur. Industrialisierung und extraktivistische Politiken fügten bis in die Gegenwart weitere Verwerfungen hinzu. Viele dieser Entwicklungen gingen Hand in Hand mit der Ausformung von Unterdrückungsmechanismen. Die dabei entstandenen Ungleichheiten lassen sich am besten aus einer intersektionalen Perspektive analysieren, da Aspekte wie Gender, Rassifizierung, Gesundheit, Migration und Klasse eng verschränkt sind. Gleichzeitig gehen viele dieser Diskriminierungsformen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, Opfer von Umweltverbrechen zu werden. Das Panel möchte diese ineinander verschränkten Ungleichheiten und die damit zusammenhängenden Aushandlungsprozesse aus historischer, kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive analysieren und dabei auch den Blick auf (historische) Narrative und Repräsentationen legen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den spezifischen Modi der Verhandlungen in Literatur und Film, denen mit dem ihnen eigenen ästhetisch-emotionalen und imaginativen Potential ein anderes Wissen innewohnt, das zu sensibilisieren und zu einer Infragestellung / Änderung von Denkweisen anzuregen vermag. 

 

Bitte senden Sie uns für ein Vortragsangebot ein Abstract von maximal 200 Wörtern mit Titel und Angaben zu den Autor*innen bis zum 21. August an folgende Email-Adresse: adlaf[at]geographie.uni-kiel.de.

Bis Ende September erfolgt die Auswahl der Beiträge durch die Vorbereitungskommission der Tagung, so dass Sie ausreichend Zeit haben, eine Finanzierung zu beantragen, da die ADLAF leider keine Reisekosten übernehmen kann.